Auszug aus Kapitel 23:
»Unser Sohn ist tot. Das ist schlimm genug«, stieß sie hervor. »Was wollen Sie jetzt von uns nach all den Jahren? Wir können Ihnen nicht weiterhelfen. Nils war ein anständiger junger Mann. Er wurde reingelegt, verführt, betrogen, ermordet.« Monika Heller redete sich zunehmend in Rage. Sie war soeben von ihrer Arbeit in einem Supermarkt in Ebermannstadt heimgekommen, und dabei, die Einkäufe in den Kühlschrank zu packen. Jetzt ließ sie sich erschöpft auf die Eckbank in der Küche sinken, wo bereits mit finsterer Miene ihr Mann saß. Ein hagerer, strenger Typ.
»Hatte Ihr Sohn enge Freunde?«, fragte Bär behutsam.
»Einige Kumpel aus dem Fußballverein«, erinnerte sich Norbert Heller, »aber wie die hießen, weiß ich nicht mehr. Hat mich nie sonderlich interessiert. Es gab hier im Haus und im Garten stets Arbeit genug, da hätte er sich nicht auch noch beim Sport austoben müssen.«
Frau Heller fuhr sich mit den Fingern durch ihr blond gefärbtes, dauergewelltes Haar, das am Ansatz schon wieder sichtbar grau nachwuchs. »Ein junger Mann braucht auch Abwechslung«, widersprach sie.
»Ja, ein Motorrad. Auch so eine Schnapsidee. Du hättest ihm das verbieten müssen«, warf Norbert Heller ein.
»Aber Norbert, Nils war doch längst erwachsen. Volljährig. Außerdem war das doch nur ein kleines, leichtes.« Monika Heller war nahe daran, die Fassung zu verlieren und in Tränen auszubrechen.
»Hatte er eine Freundin?«
»Ja, aber ich kannte sie nicht, hab sie nur ein oder zweimal gesehen«. Inzwischen liefen Frau Heller die Tränen unkontrolliert übers Gesicht. Sie tupfte sie mit dem Taschentuch ab und verschmierte dabei ihr Make-up.
»Eine Schlampe war das. Ein Flittchen«, schimpfte ihr Mann. »Die war an allem Schuld. Die hat ihm das eingeredet. Unter Garantie.«
»Aber Norbert, woher willst du denn das wissen?«
»Die war verheiratet. Das hab ich dir doch damals gesagt. Und Nils hab ich auch informiert. Aber die hat ihn doch so verhext, dass ihm das egal war.«
»Und woher wissen Sie, dass diese Freundin verheiratet war?«, hakte Bruno nach.
»Ich arbeite in Forchheim in einem großen Baumarkt, da hab ich sie mal mit ihrem Mann gesehen!«
»Kannten Sie den Mann?«
»Damals nicht. Den hab ich erst beim Prozess gesehen. Deshalb weiß ich, dass er der Fahrer des Geldtransporters war. Er war es auch, der unseren Sohn erschossen hat.«
»Aber der läuft frei rum«, klagte Frau Heller und brach in hemmungsloses Schluchzen aus. Ihr Papiertaschentuch war längst durchgeweicht. Herr Heller griff in die Hosentasche, zog ein Stofftaschentuch heraus und reichte es seiner Frau.
Taschentuch!, fuhr es Bär durch den Kopf. »Kennen Sie unter den Freunden und Bekannten ihres Sohnes einen Mann mit den Initialen R E?«
Die beiden schüttelten unisono den Kopf, aber in Brunos Kopf hatte es hörbar Klick gemacht.